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Die Krimigeschichte ist weiblich, ließe sich in Anlehnung an unser Jahresmotto sagen: Agatha Christie gilt nicht nur als meistverkaufte Autorin aller Zeiten, sondern hat das Genre des Kriminalromans im 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt und weiterentwickelt. Anlässlich des 50. Todestags der »Queen of Crime« zeigen wir eine Auswahl von zehn der gelungensten Verfilmungen ihrer Stoffe.
Kaum eine Autorin hat die Mechanik des Rätsels so verinnerlicht wie sie – und wurde so oft vom Kino missverstanden. Bei ihr entsteht Spannung weniger durch Bewegung, denn durch Beobachtung – eine Herausforderung für ein Medium, das sich vor allem über Sichtbarkeit definiert. Wo immer man meint, der Härte, die in Agatha Christies Texten steckt, ausweichen zu müssen, flieht man in exotische Kulissen und glitzernden Glamour. Dabei ist ihre Welt alles andere als ein nostalgischer Rückzugsort, sondern ein System, das sich in Auflösung befindet: Überall lauern soziale Fäulnis und Klassenhass.
Erste Adaptionen entstehen bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren, mit wechselndem Erfolg – bis Anfang der 1960er-Jahre Margaret Rutherford als Miss Marple in vier Kinofilmen das Bild der smarten wie schrulligen Detektivin – ganz im Gegensatz zur Vorlage – bis heute prägt. Die Autorin ist darüber not amused. Während sie sich mit dem Popularitätsschub, den ihre Figur dadurch erhält, langsam abfindet, gibt sie immer seltener die Zustimmung zur Verfilmung ihrer Werke.
1974 können Nat Cohen und John Bradbourne von der britischen EMI Films sie überreden, die Rechte für MURDER ON THE ORIENT EXPRESS freizugeben. Getreu der Vorlage übersetzt Sidney Lumet das Kriminalrätsel mit einem elegant ausgestatteten all-star cast in ein Kino der Opulenz, ohne dabei die Essenz des Texts aus den Augen zu verlieren. Neben WITNESS FOR THE PROSECUTION befindet Christie, die wenige Monate nach der Uraufführung verstirbt, diese als die gelungenste Verfilmung ihrer Arbeiten und bekrittelt lediglich den unschönen Schnauzbart ihres Helden, des belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot.
Nach derselben Rezeptur funktionieren auch die weiteren »großen« Verfilmungen, die bis Ende der 1980er-Jahre noch ins Kino kommen, während inzwischen das Fernsehen die »Deutungshoheit« über ihre Stoffe übernimmt. Seit 2017 versucht Kenneth Branagh mit seinen eher mäßigen Neuinterpretationen, die Autorin einer neuen Generation schmackhaft zu machen. Ob als Gesellschaftssatirikerin, Architektin der Schuld oder Chronistin einer untergehenden Ordnung: Agatha Christies Kunst ist jene des Verschweigens – ihre eigentliche Modernität liegt zwischen den Zeilen – und hinter den Bildern.
(Florian Widegger)