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Schon seine ersten Auftritte als Ziggy Stardust wirken wie filmische Inszenierungen: Miniaturen aus Glamour, Mythos und Zerfall. Für David Bowie (1947–2016) war das Leben ein Projektionsraum, in dem Kunst, Identität und Selbstinszenierung einander unaufhörlich überlagerten. Das Kino war eine Erweiterung seiner Bühne: Eine Möglichkeit zur Verwandlung. Anlässlich seines 10. Todestages huldigen wir dem Starman mit einer ausführlichen Filmschau, begleitet von einer Auswahl an legendären Musikvideos. Und wer von dieser Dosis Bowie noch nicht genug hat, werfe einen Blick auf unsere Classic Line mit vier Bonus-Tracks, in denen seine Songs besonders prominent zur Geltung kommen.
Bühne – Leinwand – Sternenstaub
Von sich selbst hat er gesagt, dass er eigentlich nie ein Rockstar werden wollte, stattdessen interessiert ihn die Idee der Inszenierung und Verwandlung. Als Künstler hat er wie kaum ein anderer die Grenzen zwischen Musik, Performance und Kino mit großer Selbstverständlichkeit überschritten. Schon sein Debüt in Nicolas Roegs THE MAN WHO FELL TO EARTH markiert 1976 den Beginn dieser Symbiose. Als Außerirdischer in Menschengestalt ist Bowie weniger Darsteller als Erscheinung – durchsichtig, verloren, von einer fremden Gravitation angezogen. Roeg formt aus dieser Präsenz ein Abbild der Entfremdung, ein Spiegelbild des Popstars selbst, der in der Welt des Überflusses zu verdunsten droht. Bowies Spiel besticht durch Reduktion: Seine Körperlichkeit, sein Blick, seine Fragilität sind sein eigentliches Material.
Um die Achse zwischen Übermenschen und Au- ßenseiter drehen sich auch seine nächsten Rollen. In JUST A GIGOLO (1978) irrt er durchs Berlin der Zwischenkriegszeit, in MERRY CHRISTMAS MR. LAWRENCE (1983) verwandelt er den britischen Kriegsgefangenen Celliers in eine Figur moralischer Auflösung, und in Tony Scotts THE HUNGER aus dem selben Jahr altert er binnen kurzer Zeit zu Staub: Ein Bild der Vergänglichkeit, das zum Kommentar über die eigene Pop-Unsterblichkeit wird. Als ästhetischer Alchemist verwandelt er seine Rollen in Atmosphären. Im Unterschied zu jenen Musikerkolleg:innen, die im Kino nach Authentizität streben, sucht er nach Fiktion – nach jener produktiven Lüge, die die Wahrheit erst ermöglicht.
Es ist nur folgerichtig, dass er in BASQUIAT (1996) Andy Warhol spielt: Der Schüler begegnet dem Lehrer, der ihm einst vermittelt hat, dass Oberfläche Substanz sein kann. Und wenn er im TWIN-PEAKS-Kinofilm als lange verschollener FBI-Agent plötzlich aus dem Fahrstuhl auftaucht, ist das mehr als ein Cameo – sondern eine perfekte Verkörperung des lynchschen Mantras: »We live inside a dream.« Der Pop war sein Labor, das Kino sein Spiegel – die Fortsetzung seiner Musik als bewegte Skulptur aus Zeit, Licht und Mythos. In dieser Hinsicht lassen sich seine Filmauftritte als Fragmente eines größeren Selbstporträts se- hen, das sich über Jahrzehnte zieht. »I don’t know where I’m going from here«, sagte er einmal, »but I promise it won’t be boring.« – Es war nie langweilig. Und nie ganz von dieser Welt. Thank you, Mr. Bowie.