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Jüdischer Filmclub Wien: Le Chant des Mariées
Bei einem Filmtitel wie LE CHANT DES MARIÉES (Die Hochzeitsmelodie) erwartet man eigentlich einen der üblichen Filme über Liebe, Schmerz und Herz, irgendwo im gefühlstrunkenen Niemandsland zwischen Hollywood und Weißem Rössl. Der Film der französischen Regisseurin Karin Albo bringt etwas ganz anderes auf die Leinwand. Er erzählt in wundervoll poetischen Bildern von zwei jungen Freundinnen, die um ihre erste Liebe, ihre Identität, ihre Gefühle und um ihren Platz in der sie umgebenden Gesellschaft ringen. Myriam ist Jüdin und Nour Muslimin, Töchter von Nachbarfamilien, für die Verständnis, wechselseitige Unterstützung selbstverständlich sind, wie der gemeinsame Besuch im Hammam zeigt. Beide Familien gehören nicht zu den vermögenden Schichten.
Das Besondere dieses Spielfilms liegt in der genauen einfühlsamen Zeichnung der Situation in Tunis 1942. Das Land ist mit Unterstützung der französischen Kollaborateure, dem Vichy-Regime unter Petain, von der Wehrmacht besetzt, und der Rassismus des NS-Reiches greift nun auch nach Nordafrika und der alteingesessenen jüdischen Bevölkerung. Dieses Kapitel der jüdischen Geschichte und der Geschichte der Shoah ist bisher noch nie verfilmt worden. Und doch ist es kein Shoah-Film, wie sie in den vergangenen Jahren vor allem in Hollywood entstanden sind. Es ist ein Film über die Vielfalt jüdischen Lebens und die Bösartigkeit des Antisemitismus, auch auf die intimste Freundschaft einwirken zu können. Die Regisseurin hat hervorragende junge Schauspielerinnen für die Hauptrollen gefunden und schafft es in der Verbindung von Kameraführung, zurückhaltendem Spiel, beeindruckender Körpersprache und einer lebensfrohen Sinnlichkeit das Leben junger Jüdinnen und Musliminnen jener Zeit ganz dicht an das Heute zu bringen. Für ein Publikum im deutschsprachigen Raum ist darüber hinaus von einmaliger Bedeutung, wie die Jahrhunderte währende Beziehung zwischen sefardischen Juden in Nordafrika von Lybien bis Marrokko, dem Gebiet des Maghreb und der sie umgebenden muslimischen Kultur von Albou dargestellt wird. Sie bringt uns auf nicht exotische oder orientalisierende Weise diese jüdische Lebenswelt nahe, lässt uns teilhaben. Mit den Augen dieser beiden jungen Frauen schauen wir auf eine Welt, die uns nach diesem Film nicht mehr fremd ist. (Frank Stern)
