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LISABIRD CONTEMPORARY präsentiert
WOLFGANG GRINSCHGL
EISMÄNNER
Preview: Donnerstag, 16.04.2015, 18.00 - 00.00 Uhr
Um Anmeldung wird gebeten an rsvp@lisabird.at
War das Porträt, vor allem das Selbstporträt, in der Renaissance noch selbstbewusster Ausdruck künstlerischer Souveränität und Individualität, so ist es im späten 20. Jahrhundert Ausdruck einer zunehmenden Verunsicherung geworden. Angesichts einer sich rastlos beschleunigenden, überökonomisierten Welt, in der das Individuum täglich an Bedeutung verliert, stellt sich die Frage, wie man die brüchig gewordene Identität noch adäquat ins Bild setzen kann.
Wenn wir vom Selbstporträt sprechen, verbinden wir damit eine spezifische Erwartungshaltung, die stark von der romantischen Kunsttheorie geprägt ist, in der Kunst als ?Ausdruck der künstlerischen Persönlichkeit und der inneren Wahrheit des Dargestellten? galt. Im Selbstporträt vereinigt sich die Rekonstruktion des äußeren Aussehens mit der Darlegung der inneren Befindlichkeit. Wir verbinden damit eine besondere Form von Unmittelbarkeit, da für uns das Gesicht nicht nur der Ort ist, an dem eine Person ihr Innerstes enthüllt, sondern auch weil unser Bild des Künstlers von der Vorstellung geprägt ist, dass ihn seine gesellschaftliche Sonderstellung zu einer geradezu exemplarischen Existenz macht. Jean-Claude Schmitt sieht das Gesicht ?als Zeichen von Identität, als Träger von Ausdruck und schließlich als Ort einer Repräsentation im wörtlichen Sinn als Abbildung ebenso wie im symbolischen Sinn einer Stellvertretung.? Was bedeutet es nun, wenn ein Künstler wie Wolfgang Grinschgl die Physiognomie seines Gesichts aufbricht und verzerrt, sich selbst deformiert und in unheimlichen Mutationen begriffen darstellt? Geht es in diesen Arbeiten nur um die subjektive Darstellung eines Individuums oder auch um eine Abbildung unserer Zeit?
Jedes Selbstporträt spiegelt immer auch die gesellschaftlichen Vorstellungen des Subjektbegriffs wider. Nach der Diskussion über das ?unrettbare Ich? zur Jahrhundertwende, erreicht in den 1960er-Jahren der Diskurs über das Verschwinden des Subjekts einen Höhepunkt. Der Poststrukturalismus hat den traditionellen Konzeptionen von Subjektivität, künstlerischer Urheberschaft und Originalität eine radikale Absage erteilt. Es wurden nicht nur das ?Ende der Malerei?, die ?Ruinen des Museums? und der ?Tod des Autors? diskutiert, sondern auch das ?Ende des Menschen? in der berühmt gewordenen Sentenz von Michel Foucault: ?Der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.? Jean Baudrillard konstruierte ?Ich-Vielheiten? und diagnostiziert ein ?fraktales Subjekt?, ?das sich anstatt sich selbst zugunsten einer Zweckbestimmung oder eines es selbst übersteigenden Ganzen zu transzendieren, in eine Vielzahl von Miniaturegos aufsplittert, die alle einander ähneln [?].? Hier setzt die Auseinandersetzung Wolfgang Grinschgls mit dem eigenen Bild an. Grinschgl knüpft an das Frontalporträt der Renaissance an, das den Künstler in eine konfrontative Beziehung zum Betrachter setzt, doch ist der Spiegel der Selbstbetrachtung zerbrochen und wirft uns unzählige Versionen und fragmentarische Ansichten des Gesichts entgegen. So wie wir alle im gesellschaftlichen Miteinander verschiedene Masken tragen und unterschiedliche Selbstbilder entwickeln, entwirft Grinschgl nicht nur ein Bild von sich selbst, sondern zahllose. Zwischen seinem Gesicht und dem Blick des Betrachters führt er allerdings immer eine zusätzliche Schicht ein, eine Membran, die sein Angesicht wahlweise verdeckt oder vor dem unmittelbaren Blick des Betrachters schützt. War das in den früheren Arbeiten eine Art Plastikfolie, die seine Sinnesorgane verschloss und zu enigmatisch-beunruhigend Effekten führte, so ist es in den aktuellen Bildern, dem Titel der Serie entsprechend, eine dünne ??Eisschicht?, die das Gesicht bedeckt. Aus einer amorphen Farbmasse steigt weiß akzentuiert ein Gesicht als etwas Transitorisches auf, das vom Verschwinden des Subjekts und den Fragmentierungen der Identität kündet.
?Das Gesicht hat eine große Zukunft, aber nur, wenn es zerstört und aufgelöst wird.? schreiben Gilles Deleuze und Felix Guattari über die Politik des Gesichts. Sie verstehen das Gesicht nicht mehr als natürliche Gegebenheit, sondern als Produkt einer kulturellen Entwicklung und somit als Ausdruck von Machtverhältnissen. Die vielen Gesichter von Wolfgang Grinschgl in der Ausstellung weisen Formen der Beeinträchtigung, Deformation und Auflösung auf, die im Sinne des offenen Kunstwerks durchaus als Spuren soziopolitischer Machtverhältnissen gelesen werden können. Der Titel ?Eismänner? kündet nicht nur vom Motiv der Darstellung, sondern auch von einem gesellschaftlichen Klima das seine Spuren im menschlichen Antlitz hinterlässt. Die Selbstporträts von Wolfgang Grinschgl sind Protokolle einer Auflösung, einer einsetzenden Auslöschung, in der die malerischen Akzentuierungen der dunklen Gesichtsöffnungen einen letzten Anhaltspunkt, einen letzten Widerstand gegen das Verschwinden darstellen. Inwieweit es sich bei den Bildnissen um eine Wiedergabe seines Inneren, eine Darstellung psychischer Prozesse oder gar eine Entäußerung seines Selbst handeln mag, sei dahingestellt. Ob Wahrheit oder Dichtung, Reflexion oder Fiktion, als verdichtetes Bild des Humanum zeigt sein Gesicht stellvertretend die Außenansicht des ?erschöpften Selbst?, das von Ängsten, Zwängen und lähmenden Gefühlen der Erschöpfung und Unzulänglichkeit geprägt ist. Und es wirft uns die Frage entgegen, wie in einer posthumanen Welt eine Darstellung des Menschen überhaupt noch möglich ist.
Roman Grabner, 2015
