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Gewalt — Gesellschaft

Österreich im Zeitalter der Weltkriege von 1918 bis 1955
Zivilgesellschaft Geschichte Ausstellung
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8 Termine
Donnerstag 11. Juni
Freitag 12. Juni
12. Juni
Fr
15:00
Diskussion bis 16:00
Gespräch mit den Kuratoren
Niko Wahl & Thomas Edelmann im Gespräch mit HGM-Direktor Georg Hoffmann
Freitag 12. Juni - Sonntag 14. Juni
Fr 12. Juni -
So , 14. Juni
Führung
Eröffnungswochenende
Eintritt frei
Samstag 13. Juni
13. Juni
Sa
10:00
Führung
Kuratorenführung
15:00
Führung
Expertengespräch mit Jochen Böhler
Sonntag 14. Juni
14. Juni
So
12:30
Führung
Themenführung: Geheimakte Orient
Strategien und Expeditionen 1914–1918
Montag 15. Juni - open end
Mo 15. Juni -
open end
Ausstellung
Gewalt — Gesellschaft

Die Ausstellung geht der zentralen Frage nach, wie Gewalt nach 1918 verarbeitet, politisch instrumentalisiert, gesellschaftlich legitimiert und schließlich völlig entgrenzt wurde. Ausgehend von den Gewalterfahrungen des Ersten Weltkrieges wird gezeigt, wie Gewalt in politische Sprache, paramilitärische Strukturen, militärische Organisationsformen und gesellschaftliche Konflikte übergeht. Demokratische Institutionen geraten unter Druck, politische Bewegungen radikalisieren sich, Gewalt wird Teil gesellschaftlicher und politischer Wirklichkeit. Im Nationalsozialismus wird sie vom Staat organisiert und entwickelt sich bis hin zu Vernichtungskrieg, Holocaust und massenhafter Gewalt gegen Zivilbevölkerungen. In sechs Kapiteln und anhand von 42 Biografien verbindet die Ausstellung Militär-, Gewalt- und Gesellschaftsgeschichte. Sie zeigt individuelle Handlungsspielräume, Entscheidungen und Verstrickungen und macht deutlich, dass Gewalt kein Naturgesetz ist, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklungen und menschlicher Entscheidungen. Zugleich lenkt sie den Blick auf die Entstehung der Zweiten Republik und auf den Umgang mit Krieg, Diktatur, Verantwortung und Erinnerung nach 1945.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Niko Wahl und HGM-Kurator Thomas Edelmann. Sie markiert einen zentralen Meilenstein der seit 2023 laufenden Reform des Hauses unter Direktor Georg Hoffmann. Ergänzt wird sie durch einen neuen Diskurs- und Vermittlungsraum, der Ausstellung, Debatte und gesellschaftliche Reflexion räumlich und konzeptionell verbindet. Dort findet seit Mai 2026 auch das HGM-Diskussionsformat „Zeit der Monster“ statt.

Die Ausstellung – Von einer verwundeten Gesellschaft zum Neuaufbruch
40 Jahre Geschichte in sechs Kapiteln und 42 Biografien

Die Ausstellung beginnt nicht mit einem Schlachtfeld. Sie beginnt mit einer traumatisierten Gesellschaft nach dem Krieg: Die Donaumonarchie ist zerfallen, der Erste Weltkrieg beendet, Hunderttausende Soldaten kehren in ein politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich erschüttertes Land zurück. Doch die Gewalt endet nicht, sie verändert ihre Form und wirkt weiter in Körpern, Erinnerungen, Sprache, Politik und Alltag. Die Büsten Kaiser Karls I., des „letzten Kaisers“, und Karl Seitz’, des ersten Staatsoberhauptes der Republik, sowie die Gipsskulptur eines kriegsversehrten Soldaten bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung: eine verwundete Gesellschaft (Kapitel 1), in der Kriegserfahrung, Unsicherheit und Gewalt weiterwirken.

Die Demokratie ist etabliert, doch nicht gelernt. Politische Lager erklären ihre Gegner:innen zu Feind:innen, paramilitärische Verbände formieren sich, Gewalt auf der Straße (Kapitel 2) prägt zunehmend den öffentlichen Raum. Waffen aus dem Ersten Weltkrieg, improvisierte Hieb-, Stich- und Schusswaffen zeigen, wie politische Gewalt Teil des Alltags und schrittweise gesellschaftlich normalisiert wird. Plakate, Propaganda und politische Inszenierungen machen sichtbar: Gewalt verändert zuerst die Sprache, schon lange bevor geschossen wird.

Mit der Ausschaltung des Parlaments 1933 endet die demokratische Ordnung der Ersten Republik. Aus der Gewalt der Straße wird organisierte Gewalt. Der autoritäre Staat (Kapitel 3) verfolgt politische Gegner:innen, errichtet Lager und setzt Gewalt als Mittel politischer Ordnung ein. Im Bürgerkrieg des Februar 1934 eskaliert der Konflikt: Bundesheer, Polizei und paramilitärische Verbände kämpfen nun mit schweren Waffen, wie dem Maschinengewehr Schwarzlose M1907/12. Als Waffe der ehemaligen k.u.k. Armee, steht es nun exemplarisch für die Militarisierung der Gesellschaft. Gleichzeitig wächst der Druck des Nationalsozialismus. Die Sitzbank, auf der Engelbert Dollfuß nach dem nationalsozialistischen Putschversuch vom Juli 1934 gestorben sein soll, verweist auf politische Gewalt und ihre spätere Inszenierung.

Mit dem „Anschluss“ 1938 wird Österreich Teil des Deutschen Reiches. Das Bundesheer wird in die Wehrmacht eingegliedert, Staat und Gesellschaft werden nach den Prinzipien der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ neu geordnet. Der Nationalsozialismus erscheint dabei nicht als plötzlicher Einbruch der Gewalt, sondern als ihre radikale staatliche Entgrenzung. Menschen werden nach politischen, sozialen und rassistischen Kriterien ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. Im Kapitel ̀Österreich ́ während der Zeit des Nationalsozialismus (Kapitel 4) zeigen zwei Karteikästen der sogenannten „Muff-Kommission“ beispielhaft, wie bürokratisch über militärische Zugehörigkeit, Ausschluss oder Karriere innerhalb der Wehrmacht entschieden wurde. Fluchtgeschichten wie jene des jüdischen Schauspielers Manfred Inger oder des Reserveoffiziers Hanns Fischl zeigen die Auswirkungen der Gewaltpolitik des Regimes auf die Lebensrealitäten Einzelner. Auch die Geschichte des eigenen Museums und Fragen des Kunstraubs werden thematisiert.

In Krieg und Verbrechen (Kapitel 5) wird der Zweite Weltkrieg nicht nur als militärischer Konflikt behandelt, sondern als ideologisch motivierter Vernichtungs- und Besatzungskrieg. Krieg und Verbrechen sind politisch gewollt und militärisch organisiert. Dokumente, Fotografien sowie Film- und Audiomaterialien zeigen Kriegsverbrechen, Holocaust, Besatzungsterror und Widerstand ebenso wie den von Hunger, Gewalt und Zwang geprägten Alltag der Bevölkerung in den besetzten Gebieten.

1945 enden der Krieg und die nationalsozialistische Herrschaft, nicht aber deren Folgen. Millionen Vertriebene, Überlebende, Flüchtende und Täter:innen prägen Nachkriegseuropa. Doch anders als nach 1918 gelingt es diesmal schrittweise, eine stabile demokratische Ordnung aufzubauen. Mit Staatsvertrag, Neutralität und dem Aufbau eigener Streitkräfte etabliert sich die Zweite Republik. Gleichzeitig erschweren Opfermythen und Verdrängung lange Zeit den gesellschaftlichen Umgang mit Verantwortung und Beteiligung. Das Kapitel Ende – Anfang – Weiterleben (Kapitel 6) zeigtanhand persönlicher Erinnerungen, Fotoalben und später Formen des Gedenkens, wie lange Gewalt in Gesellschaften nachwirkt und wie schwierig der Übergang von Krieg zu Demokratie bleibt. Der Entwurf des Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjustiz verweist darauf, dass öffentliche Anerkennung oft Jahrzehnte später noch umstritten ist.

42 Menschen – 42 Geschichten
Verflochtene Lebenswege und persönliche Entscheidungen, die das zeigen, was wir Geschichte nennen

42 Biografien begleiten die Besucher:innen durch die gesamte Ausstellung. Die Lebenswege von Opfern, Täter:innen, Soldaten, Widerstandskämpfer:innen und Mitläufer:innen kreuzen sich immer wieder, stellen Bezüge zu Ausstellungsobjekten her und machen sichtbar, dass Geschichte nicht abstrakt geschieht. Persönlichkeiten wie Olga Misař, Oskar Kokoschka, Karl Burian, Hedwig Lemberger, Maria Mandl, Ceija Stojka, Emil Spannocchi oder Walter Reder stehen exemplarisch für unterschiedliche Handlungsspielräume, Entscheidungen und Verstrickungen dieser Zeit. Am Ende wird deutlich, wie sehr individuelle Entscheidungen das eigene Leben, das Leben anderer und den Verlauf von Geschichte prägen können.

In der Ausstellung finden sich Biografien von Alois Beck, Robert Bernardis, Hugo Bettauer, Johann Heinrich Blumenthal, Francisco Boix, Karl Burian, Hildegard Burjan, Jakob Ehrlich, Wilhelm Frass, Ernst Frey, Maria Grengg, Walther Gross, Franz Humer, Alfred Jansa, Ernst Kaltenbrunner, Maria Restituta Kafka, Ernst Kirchweger, Josef Kimmel, Oskar Kokoschka, Fritz Lahr, Hedwig Lemberger, Maria Mandl, Walter P. Manning, Lise Meitner, Ilse Mezei, Olga Misař, Margarethe Ottillinger, Otto Planetta, Walter Pfrimer, Paula Preradović, Walter Reder, Eva Schloss, Anton Schmid, Therese Schlesinger, Karl Schneller, Oskar Schloss, Emil Spannocchi, Maria Stromberger, Ceija Stojka, Georg Ludwig von Trapp, Julius Wagner-Jauregg, Oskar Werner und Alois Windisch.
Die Biografiensammlung versteht sich als Zwischenstand und wird im Laufe der Ausstellung immer wieder erweitert.

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