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Gäbe es den Begriff »Independent Filmemacher« nicht, für Jim Jarmusch müsste man ihn erfinden. Im fünften Jahrzehnt seiner Regiekarriere hat er nicht nur fast alle bedeutenden Preise gewonnen (zuletzt in Venedig den Goldenen Löwen für FATHER MOTHER SISTER BROTHER, den wir ab 27.2. als Kinostart zeigen) – er wurde zur regelrechten Ikone, deren Arbeiten Genregrenzen aufheben und von seinem Faible für lakonischen Witz und minimalistische Bildsprache geprägt sind. Im Februar laden wir längst überfällig zur (Wieder-) Entdeckung seines filmischen Universums, in dem sich skurrile Typen tummeln, denen Unerwartetes widerfährt – stets von großartiger Musik begleitet.
Jim Jarmusch ist der Meister der stilisierten Entschleunigung. Wo andere Regisseure auf Handlung und Auflösung setzen, vertraut er auf Pausen, Wiederholungen und kleine Gesten. Seine Filme wirken wie Skizzen, die sich zu Mosaiken fügen: ein Blick aus dem Fenster, ein Gespräch über Nebensächlichkeiten, das Zelebrieren von Kaffee und Zigaretten. Aus diesen Fragmenten entsteht eine eigene Sprache, die das amerikanische Kino weniger bekräftigt, sondern befragt.
Seit seinem Debüt PERMANENT VACATION hat Jarmusch konsequent gegen die Konventionen gearbeitet. Er greift traditionelle Filmgenres wie Roadmovies, Gangsterfilme, Vampirromanzen und sogar Zombieapokalypsen auf und löst sie von ihren üblichen Konventionen. Was bleibt, sind Figuren, die unterwegs sind, ohne Ziel. Außenstehende, Musizierende, Liebende, Polizist:innen, Killer. Sie bewegen sich durch Räume, die oft leer wirken, und füllen sie mit Ritualen, mit Schweigen, mit trockenen Gesprächen. Komik entsteht aus der Art, wie Menschen nebeneinander existieren, ohne, dass sie einander ganz verstehen.
Musik ist dabei nicht Begleitung, sondern Struktur. Von Jazz und Blues über Punk bis zu Drone-Sounds prägt sie nicht nur die Stimmung, sondern die Haltung der Filme. Viele seiner Werke wirken wie Alben: mit Tracks, die nebeneinander stehen, sich wiederholen, variieren, einander kommentieren. Jarmuschs Nähe zu Musiker:innen – von Tom Waits über Neil Young bis Iggy Pop – ist keine Zutat, sondern Teil seines Weltbilds. Musik wird zum Modell für ein Kino, das sich eher in Improvisationen entfaltet als in abgeschlossenen Geschichten.
Sein Werk ist zugleich ernst und verspielt. DOWN BY LAW verwandelt einen Gefängnisausbruch in eine Parabel über Freundschaft. MYSTERY TRAIN erzählt drei Geschichten in Memphis, die einander wie Variationen eines Songs überlagern. ONLY LOVERS LEFT ALIVE zeigt Vampire als Kulturhüter, THE LIMITS OF CONTROL macht aus einem Thriller eine Meditation über Wahrnehmung, THE DEAD DON’T DIE verwandelt die Apokalypse in eine selbstironische Farce. Und mit FATHER MOTHER SISTER BROTHER fügt Jarmusch ein dreiteiliges Familienmosaik hinzu, das Nähe und Distanz, Erinnerung und Vergänglichkeit neu verhandelt.
Das Kino von Jarmusch lehrt, aufmerksam zu sein. Es lädt dazu ein, das Offensichtliche zu übersehen und das Nebensächliche ernst zu nehmen. Seine Filme zeigen, dass die größte Intensität oft im scheinbar Leeren liegt, und dass gerade dort, wo nichts geschieht, die Welt am deutlichsten sichtbar wird.