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Im Februar widmen wir uns dem vielschichtigen Werk von Sergei Loznitsa, einem der prägendsten europäischen Filmemacher der Gegenwart. Seine dokumentarischen und fiktionalen Arbeiten verbinden analytische Präzision mit poetischer Strenge und eröffnen dabei neue Perspektiven auf Geschichte, Erinnerung und Gewalt. Die Schau präsentiert zentrale Filme aus über zwei Jahrzehnten – vom frühen Found Footage bis hin zu aktuellen Arbeiten über den Krieg in der Ukraine.
Wir freuen uns besonders, dass Sergei Loznitsa zur Eröffnung seiner Werkschau nach Wien reisen und an zwei Abenden seine neuesten Arbeiten vorstellen wird.
Seinen aktuellen Spielfilm DWA PROKURORA / ZWEI STAATSANWÄLTE zeigen wir vom 20. Februar bis 1. März exklusiv in Österreich
Klarheit im Nebel
von Florian Widegger
Sergei Loznitsa gehört zu den beharrlichsten und zugleich vielseitigsten Chronisten des osteuropäischen Raums. 1964 im belarussischen Baranowitschi geboren und in Kyjiw zum Mathematiker und Ingenieur ausgebildet, arbeitet er zunächst im Bereich künstliche Intelligenz – ein Hintergrund, der seine präzise, beinahe analytische Beobachtung bis heute prägt. Erst später studiert er an der Moskauer Filmhochschule Regie und entwickelt dort einen Stil, der Dokumentar- und Spielfilm ineinander überführt. Dabei ist sein Œuvre von Beginn an getragen von einer kompromisslosen Aufmerksamkeit für das Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und historischer Erfahrung. Seine Found-Footage-Filme (BLOCKADE, REVUE oder STATE FUNERAL) verzichten auf jeden Kommentar und vertrauen ganz auf die Kraft der Bilder. Zugleich zeigen sie, wie Montage zur Erkenntnismethode werden kann. Vergangenheit erscheint darin nicht als lineare Abfolge, sondern als Geflecht aus Ritualen, Ideologien und blinden Flecken, aus denen sich Machtstrukturen ablesen lassen.
Auch in seinen jüngsten Projekten, die sich dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine widmen, bleibt Loznitsa dieser Haltung treu. THE INVASION, den wir als Österreich-Premiere zeigen, beobachtet ein Land im Dauer-Ausnahmezustand mit demselben geschärften Blick, mit dem er zuvor sowjetisches Archivmaterial seziert hat. Das Material wird hier selbst zur Erinnerung, zur offenen Wunde – und zugleich zur Quelle von Resilienz. In seinen Spielfilmen richtet er den Fokus wiederum auf Situationen, in denen soziale Bindungen brüchig werden und moralische Entscheidungen unter undurchsichtigen Verhältnissen getroffen werden müssen. Seine Figuren bewegen sich in Grauzonen, so wie der Protagonist von IM NEBEL, der gezwungen ist, inmitten eines beschädigten Systems eine eigene Haltung zu finden.
Loznitsa begreift das Filmemachen als eine Art wissenschaftliche Versuchsanordnung: Jedes neue Projekt beginnt für ihn wie ein gedankliches System, das zwar logisch zu einem Ergebnis führen muss, dabei aber offen bleibt für das Unvorhersehbare. Neben der politischen besitzt seine Arbeit stets auch eine poetische Dimension – einen Sinn für Stille, Rhythmus und für das Sakrale im Alltag. Dass er heute international als einer der prägenden europäischen Filmemacher gilt, liegt an dieser seltenen Verbindung von analytischer Schärfe und formaler Sensibilität. Sein Werk wirkt wie eine fortlaufende Untersuchung darüber, wie sich Geschichte im Bild formt – und wie das Kino diesen Bildern widerstehen oder sie neu ordnen kann.
»Wahrheit ist keine Frage des Filmgenres oder Filmmaterials: Wahrheit liegt in der Person des Regisseurs – wie er mit der Geschichte und dem Material umgeht.«
Sergei Loznitsa